Wenn grosse Hunde pinkeln gehen
Sicher hat jeder den Spruch schon mal gehört: Wenn Du mit den grossen Hunden pinkeln gehen willst, musst Du lernen das Bein weit hoch zu heben.
Nun zähle ich zwar eher zu den Kleinen unter den Grossen, aber auf Veranstaltungen wie der letzten EWT im November 08 in Wien kommt es dann schon mal vor, dass mich meine Blase auf das Örtchen treibt, an dem man bei einem solchen Massenspektakel leider nie alleine ist.

Und so meldete sich mein Bläschen nach dem Genuss des (ungefähr) 2. Bieres mal wieder und verlangte nach einer raschen Entleerung.
Kaum hatte ich das hierfür vorgesehene Örtchen erreicht und die Knöpfe am Hosenladen meiner Jeans geöffnet (wieso baut man da eigentlich Knöpfe dran, wenn´s mit Reissverschluss einfacher ist und die Knöpfe sowieso keiner sehen kann?), bemerkte ich am Pinkeloir neben mir einen bekannten Kollegen, den wohl die gleiche Absicht hierher getrieben hatte.

Da Pinkeln an sich ja ne ziemlich langweilige Angelegenheit ist (es sei denn man verkauft davon bestimmte Arten von Videos auf den einschlägigen Amateurportalen), hält man dann auch schon gerne mal ein Schwätzchen auf dem Klo, dessen geistiger Gehalt immer auch ein wenig vom Volumen der Blasenfüllung abhängig ist, denn für so einen kurzen 10-Sekunden-Strahl lohnt es sich ja kaum über Goethe oder Schiller zu referieren.

Offenbar hatten wir hier ungefähr einen voluminaren Gleichstand, denn mein mitpinkelnder Kollege eröffnete die Toillettenkonversation mit den Worten: „Na Thommy, zufrieden mit der Messe?“, was an sich bei mir schon eine Frage ist, zu deren Beantwortung ich in Kurzversion mindestens 3-4 ausgiebige Blasenfüllungen benötigen würde.

Deshalb versuchte ich meine Antwort auf die kürzest mögliche Form zu bringen und beliess es bei einem „ja klar – und du?“.

Ojeh – da hatte ich wohl den Blaseninhalt meines Gegenübers völlig falsch eingeschätzt, denn mein Pinkelbruder begann erst mal mit einem sehr lang gezogenen „naaaaaajaaaaaaaaaaaaa“, welches meine Neugier entfachte und während ich, auf den Zehenspitzen stehend versuchte, meinen Strahl zielgenau ins dafür vorgesehene Gefäss zu strullen (die Pissoirs in Wien sind mancherorts leider etwas hoch geraten) fragte ich meinen Klogenossen: „was denn nun? Na oder ja?“

Und so kamen wir auf das Thema, das eigentlich fern von der Messe jeden irgendwie tangiert – die Wirtschaftskrise. Kollege Mitpullerer erklärte mir in einem sehr seltsam verwobenen Satz, den ich hier gar nicht mehr wörtlich zusammenbringe, dass die Wirtschaftskrise nicht spurlos an der Branche vorbei läuft und alles schlechter läuft – AUSSER – ja ausser sein Produkt.
Nun war das aber eigentlich der Tenor, den ich innerhalb und ausserhalb der Messe von allen Seiten gehört habe. Jeder spricht von Krise die überall stattfindet nur bei ihm nicht. Jeder erzählt mir von Umsatzeinbrüchen bei anderen und Umsatzsteigerungen bei ihm selber – irgendwie geht das nicht zusammen. Das klingt mir so nach „alle müssen sterben nur ich nicht“.
Also Grund genug meinen Strahl etwas langsamer zu drehen, denn vielleicht hatte ich ja hier endlich mal die Gelegenheit herauszufinden was hinter den Sprüchen steckt.

„Du meinst also, dass die Branche gerade Umsatzeinbussen erleidet, Du aber mit Deinen Produkten einen Aufwärtstrend hast?“, fragte ich meinen Pullerbruder, welcher erwiderte: „Naja, Umsatzzuwächse haben wir auch nicht, aber wir halten das was wir haben, das ist doch in solchen Zeiten schon sehr viel“.

Nun war ich aber auch Neugierig auf das Erfolgsrezept und so konnte ich es mir einfach nicht verkneifen, Gewissen nach dem allumfassenden Erfolgsrezept zu fragen. „Wir haben einfach ne Menge neuer Produkte dazu genommen und das läuft phantastisch“, erklärte er mir.

„Aha“, entgegnete ich „Du machst also mit mehr Angebot den selben Umsatz? Wenn ich aber einen Umsatz X durch eine grössere Menge an Angeboten dividiere, dann kommt beim Einzelnen doch unterm Strich weniger raus, oder?“. Ich weiss nicht ob die darauf folgende Denkpause nun davon ausgefüllt war über meine Rechnung nachzudenken, oder ob er sich fragte, ob der letzte Tropfen denn nun endlich abgeschüttelt ist, jedenfalls erhielt ich erst nach etwa 10-15 Sekunden die Antwort: „ja wenn man das so rechnet stimmt das schon aber so rechnen darf man das ja nicht“.

Hmmm…..wieso darf man das nicht so rechnen? Wenn ich zum Transport von 10 Tonnen Klopapier vorher einen Transporter gebraucht habe und dann die 10 Tonnen auf 2 Transporter verteile, habe ich dann mein Unternehmen wirklich vergrössert und meine Marktposition ausgebaut? Man könnte das zwar auch mit Äpfeln rechnen aber ich war ja nun gerade dort, wo Klopapier ne wichtige Rolle spielt, was ich auch kurze Zeit darauf merken sollte.

Doch vorher lenkte mein inzwischen entleerter Mitstrullerer nochmal auf das Thema ein und sagte: „Weisst Du Thommy, das ganze Gejammere bringt doch nichts. Was sollen denn unsere Affiliatepartner denken, wenn wir von Umsatzeinbrüchen reden? Die denken doch dann alle, dass unsere Produkte schlecht sind und gehen zu denen, die eben rumprahlen“.

Ja, da mag was Wahres dran sein – ich jedoch stell mir dann doch eher die Frage, was ein Affiliatepartner denkt, wenn er merkt, dass ein angeblich super laufendes Produkt bei ihm nicht die prophezeiten Umsätze bringt. Hält er sich dann für die Ausnahme? Oder fragt er rum und stellt fest, dass er nicht der Einzige ist, dem es so geht? Welchen Schluss ziehen in der Folge mehrere Affiliatepartner, die alle wissen, dass ein Produkt „super läuft“ aber in deren Statistiken nichts davon zu sehen ist? Liegt es da denn nicht nahe, wenn solche Affiliatepartner plötzlich Worte wie „Shaving“ benutzen?

Das alles habe ich natürlich nur so für mich gedacht, denn mein Mitpinkler war schon dabei sich die Hände zu waschen und schnellstmöglichst die Konversation zu verlassen. Ich liess ihm den Vortritt, da ich sowieso noch mit dem Schliessen dieser verdammten Hosenstallknöpfe beschäftigt war und wir verabschiedeten uns mit einem „wir sehen uns später“.

Gerade als ich mit dem Händewäsche fertig war und das stille Örtchen so richtig still schien, rief eine Stimme aus einer der Toilettenzellen: „Thommy, kannst Du mir bitte helfen – hier ist kein Papier, kannst Du mal nachsehen ob´s in der anderen Zelle noch was hat?“.

Aha – da war also noch ein heimlicher Lauscher auf dem Pott, den wir gar nicht bemerkt hatten (auch geruchlich nicht). Und klar, musste dem Armen geholfen werden. Ich öffnete also die nächste Klotür und fand dort 2 Rollen Klopapier, wovon ich ihm eine über die Toilettenwand hievte.

Danach ging ich zum Händetrockenen und einige Sekunden später stand der von mir gerettete Webmaster mir gegenüber, bedankte sich nochmals herzlich und sagte: „Ich hab Euer Gespräch gehört und muss Dir sagen, dass Du recht hast. Diese ganze Prahlerei geht einem als Webmaster ganz schön auf den Sack. Wenn die Zeiten schlecht sind, dann sollten wir da durch – aber eben gemeinsam. Ich war wirklich bisher der Meinung, dass ich der einzige bin der wohl alles falsch macht und alle um mich rum nur von Riesenumsätzen erzählen. Jetzt wo ich das gehört habe, bin ich wieder klar im Kopp. Ich kann nur sagen…“ (und nun wörtlich) „ich bin so froh dass ich gerade scheissen musste“.

Ich freue mich auf Eure Meinungen!

viel spass im netz

thommy